Vier Jahre war er jetzt schon arbeitslos der Hans. Er hatte auch kaum eine Aussicht, in nächster Zeit wieder eine Arbeitsstelle in seiner näheren Umgebung zu finden. Die zwei großen Fabriken in Goisern hatten ihre Tore geschlossen. Die Eigentümer waren samt den Maschinen nach Rumänien übersiedelt. Wie zum Hohn siedelten sie die neuen Fabriken dort an, von wo die Altgoiserer nach Öffnung des eisernen Vorhanges im Salzkammergut zurückgezogen waren. Aber die leer gelassenen Häuser wurden jetzt von jungen arbeitslosen Rumänen bezogen, die für zehn Euro am Tag zu haben waren und der Grund kostete fast nichts. Mit anderen Worten konnte durch niedrige Menschenwerte ein hoher Aktienwert erzielt werden. Das aber nützte Hans und seinen 600 ebenfalls gekündigten Kollegen in Goisern nichts. Seiner Frau jammerte, dass für sie, Hans und die vier Kinder nur mehr Nudeln für einige Tage vorhanden seien, dann müssten sie hungern oder betteln gehen, denn das Arbeitslosengeld reichte kaum für Miete, Strom und Heizungskosten. "Frau", sagte der Hans. Bevor wir hungern oder betteln gehen, werde ich Wilderer wie es der Großvater schon einmal gewesen ist. Er hat mir seinen Stutzen samt Munition hinterlassen, ich denke, dass er noch funktioniert. "Und zwischen Hütteneck-Alm", fuhr er fort, "und dem Loser gibt es genug Gämsen, Rehe und Hirsche um das ganze Goiserertal zu ernähren." Seiner Frau wurde jetzt, da Hans sich entschlossen hatte, Gesetzesbrecher zu werden, erst das Elend in dem sie seit Jahren lebte, richtig bewusst. Sie setzte sich an den alten Holztisch, legte ihre Arme darauf, senkte den Kopf und begann fürchterlich zu weinen.
Zur gleichen Zeit rief im Nachbarhaus Rudi Schlafer, ein Hauptschullehrer, seiner Frau Susi zu: "Susi, Susi, wir haben gerade per email die Buchungsbestätigung für unseren vierwöchigen Urlaub auf Kreta erhalten." "Super", rief Susi, "da kommen wir endlich wieder einige Zeit aus dem scheiß Goisern heraus und die blöden Kollegen in der Hauptschule muss ich auch einige Zeit nicht sehen." Heimlich aber dachte sie daran, dass sie trotz allem auch in diesen vier Wochen ihren Mann jeden Tag und jede Nacht sehen - und noch mehr - musste. Der heißt nicht umsonst Schlafer, sprach sie so vor sich hin. Aber dann mußte sie daran denken, wie sie in Matala Spirosakis besuchen würde, den sie nach jedem Kretaurlaub ihren Freundinnen gegenüber als griechischen Hengst bezeichnete.
Hans strich seiner Frau zärtlich über das Haar. "Höre auf zu weinen, ich bitte dich". Das Schluchzen seiner Frau, in das nun auch die Kinder einfielen, zerriss ihm das Herz. "Den Aktionären werde ich es zeigen", dachte er, "erschießen müsste man sie, aber ich bin zu sehr Christ. Verzeihen aber kann ich ihnen auch nicht lieber Gott, da forderst du zu viel im Neuen Testament." Er öffnete die Falltür zum Keller und stieg die steile Treppe hinab. An der Wand stand ein alter Kasten, der schon lange nicht mehr geöffnet worden war. Die Blumen, mit denen er bemalt war, waren schon verblichen, nur die zwei Edelweiss in der Mitte jeder Tür leuchteten durch den Staub, als wären sie nicht vor zweihundert Jahren aufgemalt worden, sondern gestern. "Hans stieß einen fürchterlichen Fluch aus: "Solange die zwei Edelweiß ihre Farbe nicht verlieren, werde ich wildern und jeden Hirsch, jede Gämse und jedes Reh zwischen Goisern und Aussee schießen, so wahr mir Gott helfe! Kein Jäger wird mich aufhalten können, kein Jagdherr wird je wieder eine Beute machen, wenn ich es verhindern kann. Hunger und Blut sollen über sie kommen, wie die sieben Plagen im Alten Testament, vor allem Blut! Damit sollen sie für den Hunger meiner Kinder büßen."
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